01 | design bei vitra, idylle am tüllinger ... eames lounge chairs findet im hauskomplex statt....

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Post on 17-Jun-2020

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    Mach mir die Pfauenfeder – Cappucchino im Vitra Haus, Weil

    Die Nordfront des Vitra Hauses blickt direkt auf den Tüllin- ger Berg, selten im Markgräflerland kommen sich modernes

    Design und Laubenidylle so nah.

    01 | Design bei Vitra, Idylle am Tüllinger

    Design ist, was man zuerst sieht. Der Milchschaum auf einem Cappuccino läßt sich zum Beispiel als Pfauenfeder oder als Herzchen designen. Pfauenfeder gilt als klassisch italienisch, Kakao-Herzchen werden eher in nordalpinen Fußgängerzo- nen appliziert. Im Vitra Cafe in Weil gibt es zum Frühstück die Pfauenfeder, beim zweiten Cappucino war der Milchschaum dann allerdings nicht mehr gestaltet. Das macht aber nichts, denn im Vitra Haus gibt es genug Design. Auf fünf Stockwer- ken springen einen die pointiert präsentierten Objekte der Vitra Home Collection regelrecht an: Schau! Mich! An! Vitra nennt es Flagship Store, aber eigentlich ist es eine Peep-Show zeitgenössisch gestalteter Möbel.

    Im strikt kantinös durchdesignten Café stehen Basel Chairs. Jasper Morrisson, 2008. Kein Gramm zuviel an Bein und Leh- ne. Ikonen der Funktionalität, auch einer gewissen Mentalität. Kaffeehausgemütlichkeit ist anderswo, hier herrscht Form. Auch die Akkustik hält einen ordentlich auf Trab, das Vitra Café ist keine Strickstube. Selbst der Sound auf dem stillen Örtchen wurde gestaltet: zarte Vogelstimmen, sphärisiert mit etwas Hall.

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    Schöner sitzen: Das von Herzog & de Meuron 2010 entwor- fene Vitra Haus besteht aus demonstrativ übereinander ge- stapelten Elementen. Zwölf anthrazitfarbene Container, die, würden sie senkrecht stehen, auch an Getreidespeicher im mittleren Westen der USA erinnern könnten. In Weil liegen die Speicher aber waagrecht und es ist viel Design drin. Ver- glichen mit den Lagerhallen der Volksvermöbler wirkt der Vitra Kosmos wie ein Reinluftraum des guten Geschmacks, Überschuhe müssen aber nicht getragen werden.

    Auf der dritten Ebene der Installation dann ein Vorschlag zur Güte. Die Lounge Chairs des legendären Designerpaars

    Charles und Ray Eames sind zu einladenden Sitzgruppen arrangiert, die man alles, aber keinesfalls gemütlich nennen darf. Dennoch, lässiger sitzen geht fast nicht, standesbewuß- ter auch nicht, und so eine Kombination hat natürlich ihren Preis. Um die 7000 Euro wertet das Set, bestehend aus Sche- mel und Sessel. Nach erfolgreichem Probesitzen könnte dann parterre im Lounge Chair Studio gleich die Lederauswahl besprochen werden. Einem Lounge Chair sieht man an, daß er in bessere Etagen gehört. In ein Herrenzimmer mit Humidor und Bibliothek, aber welcher erwachsene Mann hat heute noch Bücher, Zigarren und Zeit zum Kontemplieren?

    Design in the box – Vitra Haus, Herzog & de Meuron, 2010

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    Weiler Halbhöhenlage, Ötlinger Panorama: Von den oben Etagen im Vitra Haus schweift der Blick weit über das ideen- verarbeitende Kombinat am Rheinknie. Eine postindustrielle Aussicht, viel Sichtbeton und Glas, dazwischen Grüngürtel, wenig Rauch aus Schloten. Die alte Wucht, der Atem aus Stahl ist Kontinente weiter. Milchschaum im Flagship-Store – dar- um beneidet uns die halbe Welt, und die andere Hälfte ver- achtet uns genau deswegen.

    Die Lichtfront an der Nordseite schaut direkt auf den Tül- linger Berg, wo sich die Laubenromantik etwa so konzentriert wie das Design im Vitra Haus – eben deshalb beginnt meine Runde über den Tüllinger auch bei Vitra. Nirgendwo im Mark- gräflerland kommen sich moderne Gestalt und Gartenlaube so nah, nirgendwo sonst kann man so heutig frühstücken und wenig später von einer Holzbank auf dem Tüllinger die Dinge aus der Halbdistanz betrachten.

    Eine kontrastreiche Runde über den Tüllinger könnte also mit einem zeitgenössischen Frühstück im Vitra Haus an der Charles-Eames-Straße beginnen, oder eher old Style: am klassischen Ausgangspunkt des Markgräfler Wii-Wegli. Das

    historische Emailleschild am Lindenplatz mit Entfernungs- angaben zwischen 12 und 77 km wirkt eher herausfordernd als abschreckend – wie eine freundliche Einstimmung auf einen langen Marsch durch eine kleine Welt. Nebenbei: wegen einer Wegänderung am neuen Katzenberg-Bahntunnel sind die Distanzen ab Efringen fünf Kilometer länger als auf dem historischen Wegweiser.

    Bis rauf zum Tüllinger-Panoramarücken und rüber nach Ötlingen sind es kaum vier Kilometer, aber schon auf dieser Kurzstrecke erschließt sich ein überaus reiches Spektrum mit- telständischen Strebens. Nachverdichtete Halbhöhen gibt es nicht nur über dem Stuttgarter Kessel, sondern auch zwischen Röttelnweg und Isteiner Straße.

    Eine Einheit „Schöner Wohnen“ paßt meist noch dazwi- schen, also müssen die Taximütter mit Benno an Bord or- dentlich rangieren, bis der schwarze Riese auf dem schmalen Grund parkiert ist. Andererseits sorgt die erhöhte Sitzposition im dichten Dschungel unserer Vorstädte für einige Vortei- le, wenn nicht für ein Überlegenheitsgefühl. Bei zu blonden Frauen in zu schwarzen Autos, die aus manikürten Vorgärten

    Moderne trifft Gartenlaube – Blick vom Tüllinger Berg auf WeilStart für den Marsch durch eine kleine Welt: Lindenplatz, Alt-Weil

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    Rebenbegleitblau – Frühblüher am Tüllinger

    kommen, fällt mir immer eine Frage ein: was macht ein Viertel eigentlich so besonders? Könnte es am Ende auch die Summe der in ihm wohnenden Illusionen sein? Gibt es Lebensab- schnittshäuser?

    Als Wandersmann, der keine Kinder zum Ballettunterricht fahren muß, habe ich es einfacher. Bald sind die Kleingar- tenkolonien am Fuß des Tüllinger Bergs erreicht: über Katz- gass‘ und Torgass‘ geht es weiter hoch zum Panoramaweg, der seinen viel versprechenden Namen zu recht trägt. Die Dynamik im Wirtschaftsraum am Rheinknie wird hier unmit- telbar anschaulich. Im Kontrast dazu stehen jene Schreber- gärten, die ihren Namen dem Leipziger Orthopäden Daniel Gottlob Moritz Schreber (1808 - 1861) verdanken, der sich als Volksertüchtiger, später auch als schwarzer Pädagoge ei- nen Namen machte. Schrebers Bestseller „Ärztliche Zimmer- gymnastik oder System der ohne Gerät und Beistand überall ausführbaren heilgymnastischen Freiübungen“, erschien im Jahr 1855. So umstritten Schreber war, die Präambel seiner

    Zimmergymnastik könnte noch heute ein Leitspruch zeitge- nössischer Werke der Volksertüchtigung sein,. „Soll geist‘ges Leben wohl gedeih‘n, so muß der Leib die Kraft verleih‘n,“ Pilates anno 1855.

    Die ersten Schrebergärten mit Laube und Obstspalier ent- standen ursprünglich nahe den düsteren Industrievierteln der Gründerzeit. Als sogenannte Armen- und Spezialgärten wurden sie zur Förderung der Volksgesundheit angelegt und von jenen bestellt, die vom Land wegzogen, um in den Städten der Gründerzeit Arbeit zu finden.

    Es wird kaum Zufall sein, daß eine der buntesten Koloni- en in der Südwestecke so nahe beim früh industriealisierten Rheinknie entstanden ist. Gartenzwergromantik hin oder her, in den Wellnesszonen am Tüllinger sind vermutlich weniger Lebenslügen vergraben als in einem Rollrasen-Vorgarten. (Fortsetzung der Tour am Tüllinger nächste Woche).

    Dieser Text ist ein Auszug aus Wolfgang Abels neuem Buch:

    Markgräflerland.

    Streifzüge zwischen Weinweg und Weinstraße

    (erscheint Februar 2013)

    Infos zum Text vgl. nächste Seite >

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    Eine Runde Sache

    - Touren Auf einer Runde zwischen Weil und Tüllinger-Berg lassen sich Moderne und Idylle bestens kombinieren. Ein zentral gelegener Ausgangspunkt könnte das Café im Vitra Haus sein. Eine Schleife über die Kleingärten und Panoramawege am Tüllinger Berg dauert ab ein, zwei Stunden. Das Wegnetz oberhalb von Weil ist engmaschig, es erschließt verschiedene Höhenstufen, eine Runde läßt sich an vielen Stellen abkürzen oder verlängern, auch eine Fortsetzung mit Einkehr in Ötlingen bietet sich an (vgl. Kapitel 2). Wie erwähnt, von der Bushaltestelle vor dem Vitra Haus bis zu den ersten Obstplantagen am Tüllinger geht man kaum zehn Minuten, die Stichwege Katzgass‘ oder Torgass‘ führen dann hoch zum Panoramaweg – und in eine andere Welt.

    Vitra Haus Weil: Im Gebäude befinden sich das Café, ein Museumsladen (dort auch viel Fachliteratur, etwa der Band: Warum tragen Architekten schwarz?). Auf mehreren Ebenen eine Dauerausstellung der Vitra Home Collection. Deren Pro- gramm wendet sich an designgeneigte Einzelkunden; auch die Endfertigung der Eames Lounge Chairs findet im Hauskomplex statt. Alle Einrichtungen und das Design Museum auf dem Vitra Campus nebenan sind täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Zwei ordentliche Frühstücksangebote (Basic und Continental) gibt es von 10 Uhr bis 11.30 (die Qualität von Brötchen und Croissants ist einem Ort dieser Klasse allerdings unwürdig). Außerdem ein Kuchenbuffet, wechselndes Mittagsmenü und vegetarische Angebote. Ab 15 Uhr reduziertes Speisenangebot (geschlossen: 24. Dezember ab 14 Uhr., 25. und 31. Dezember,1. Januar.). Vitra Campus, Charles-Eames-Str. 2, 79576 Weil am Rhein, Tel: 07621-702 3500, Infos zur Architektur auf dem Firmenareal, aktuelle Ausstellungen im Design Museum: www.vitra.com.