wenn sporttreiben extrem gefährlich wird – ein philosophischer blick auf die todesnähe im sport

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Zusammenfassung

Nach einer begrifflichen Differenzie-rung zwischen Extremsport und Risiko-sport wird hier skizziert, dass es mithilfeder Existenzphilosophie m€oglich ist,pauschale Stigmatisierungen der Risi-kosportler als ,,Verr€uckte‘‘ zu entkr€af-ten. Denn durch die existenzielle Ge-f€ahrdung in diesem Sport und die damitverbundene Erkenntnis der Begrenzt-heit der eigenen Lebenszeit wird derRisikosport zu einer Form der modernenLebenskunst.

Schl€usselw€orterRisikosport– Extremsport– Existenzphilosophie–Lebenskunst

A. Muller

When sports gets extremelydangerous – a philosophicalview on the proximity ofdeath in sports

Summary

After a clarification of the conceptsextreme sports and high risk sports Iwill sketch out that it is possible toconquer stigmatisations of high riskathletes as ‘fools’ with the help ofexistential philosophy. The existentialthreat of sports brings to the surfacethe limitedness of life, which turns highrisk sport into a modern art of living.

KeywordsHigh Risk Sports– Extreme Sports– ExistentialPhilosophy– Philosophy of the Art of Living

Orthop€adieTraumatologie

SportOrthoTrauma 28, 79–81 (2012)Elsevier – Urban&Fischer

www.elsevier.de/SportOrthoTraumadoi:10.1016/j.orthtr.2012.02.009

A. M€uller � Wenn Sporttreiben ex

SCHWERPUNKT

SCHWERPUNKT

Wenn Sporttreiben extremgef€ahrlich wird – einphilosophischer Blick auf dieTodesn€ahe im Sport

Arno MullerSportwissenschaftliche Fakultat, Fachgebiet Sportphilosophie und Sportgeschichte,Universitat Leipzig, Deutschland

Eingegangen am 2. Februar 2012; akzeptiert am 13. Februar 2012

Vom Extremsport zum ben werden (Pfahlsitzen, Dauerdu-

1 Opaschowski stellt im Anschluss aneine etymologische Skizze zum Risiko-Begrifffest, dass ihm als das Neue die Wandlung desRisikosports im Zeitalter der Extreme hin zumExtremsport erscheine.

2 Eine ebenfalls undifferenzierte Ver-wendung der Begriffe Abenteuer- und Ex-tremsportarten findet sich beispielsweisebei [12] H.W. Opaschowski, Xtrem: der kal-kulierte Wahnsinn; Extremsport als Zeitpha-nomen, 1. ed., Germa Press, Hamburg, 2000.

Risikosport – begrifflicheVorbemerkungen

Das Prafix Extrem versucht zu indi-zieren, dass es sich bei dem nach-folgenden Begriff – in diesem Fall(Extrem-)Sport – um etwas Besonde-res, also etwas uber das normale Maßhinaus handelt. Worin diese Beson-derheit nun aber genau besteht, wirdoftmals nicht naher spezifiziert, da-her bleibt der ,,Extrem‘‘-Begriff rela-tiv inhaltsleer. In diesem Zusammen-hang ist auch zubeobachten, dass dieBegriffe Extremsport und Risikosportoftmals synonym verwendet werden.Schaut man sich nun die Sportartengenauer an, die unter dem Label Ex-tremsport changieren, so sind darun-ter zum Teil Sportarten, die ein sig-nifikantes Risiko fur Leib und Lebender Athleten beinhalten, letztendlichsogar das Risiko, zu Tode kommen zukonnen. Andere Sportarten habendiese Todesnahe nicht. Bei ihnen be-steht evtl. die Gefahr, eine kleineVerletzung davonzutragen, maximaleinen sekundaren Sportschaden zuerleiden. Aus Grunden der wissen-schaftlichen Exaktheit gilt es daher,Phanomene, die einfachnur extrem inBezug auf Dauer oder Distanz betrie-

trem gef€ahrlich wird – ein philosophischer Bl

schen, Ultramarathon oder andereExtremsportarten) – i.e. sportliche Ta-tigkeiten ohne signifikante Todesge-fahr –, von Risikosportarten zu unter-scheiden – Sportarten oder sportlicheTatigkeiten mit signifikanter Todes-nahe [11]. Das heißt, obwohl manim Hinblick auf moderne sportlichePhanomene zunachst von einer zu-nehmenden ,,Polarisierung‘‘ bzw. so-gar von einer Extremisierung [8,12]sprechen kann,1 sollte man dennoch,aus dem Anspruch auf wissenschaft-liche Exaktheit, den Begriff Risiko-sport nicht einfach mit Extremsportgleichsetzen.2

Als Risikosport konnen mit den Wor-ten Brandauers

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,,jene sportlichen Bet€ati-gungen bezeichnet [wer-den], in denen individuelleVerhaltensfehler, aber auchtechnische M€angel, schwer-wiegende Auswirkungenhaben k€onnen, was die Ge-sundheit und das Leben derAkteure betrifft‘‘ [2,14]3.

Auch Howard S. Slusher illustriertebereits 1967 die Todesnahe beimRisikosport in treffender Weise als,,Flirten mit dem Tod‘‘ [16]. Aus die-sem Grund bezeichnet Slusher Risi-kosportarten auch als ,,death-centered sports‘‘ [16].

4 Siehe auch folgende historische Quel-len: a) [1] H. Baumgartner, Die Gefahren desBergsteigens, Schultheß, Zurich, 1886. b)[7] A. Heim, Notizen uber den Tod durchAbsturz, 1892. c) [18] E. Zsigmondy, Die

Das existenzphilosophischeVerst€andnis der Todesn€ahe imSport

Eine differenzierte Betrachtung desRisikos im Sport liefert Schleske imLexikon der Ethik im Sport [15]. Ergeht davon aus, dass viele Menschennicht Ruhe und Entspannung, son-dern gerade Herausforderungen und,,existentielle Gefahren‘‘ suchen. Erlenkt den Blick beim Risikosport so-mit bereits auf die existenzielle/existenzphilosophische Dimension[4,15].Nahert man sich dem Risikobegriffvon Seiten der Philosophie, so wirdman auch auf das Gebiet der Exis-tenzphilosophie verwiesen, denngerade in der Existenzphilosophiekommt dem Risikogedanken einezentrale Bedeutung zu. Zunachstist hier Kierkegaard [9] mit seinerBestimmung der Angst zu nennen.Nicht zuletzt Heidegger sieht in derAngst einen wichtigen Aspekt, umeinen Zugang zum eigentlichenSelbst erlangen zu konnen [6,13].Der Mensch stehe in der Notwendig-

3 Nahezu quellenabstinent gelangt Rus-sell zu einer vergleichbaren Definition.

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keit, sich stets in Anbetracht derGefahr zu entwerfen, somit sei das,,Sein das Wagnis schlechthin‘‘ [5].Wahrend folglich in der Alltagsspra-che Risiko meist ein Synonym vonGefahr und Wagnis ist, entsteht im20. Jahrhundert eine wissenschaft-liche Begriffsbildung von Risiko, de-ren Ursprunge auch in der Existenz-philosophie zu finden sind [13]. ImHinblick auf den Risikosport ergibtsich somit eine Eingrenzung des Ri-sikobegriffs auf den des existenziel-len Risikos, i.e. das Risiko, sein Le-ben zu verlieren.So sieht auch einer der Grundungs-vater der deutschen Sportphiloso-phie, der Ruder-Olympiasieger von1960, Hans Lenk, im Bergsteigen4

eine existenzielle Risikosportart:

,,Beim Bergsteigen, einerbesonders existentiell aus-gerichteten Sportart, wirddieser Unterschied deutlich:Hier steht die Personund ihreExistenz auf dem Spiel, To-desn€ahe erh€oht das Bewußt-sein der Individualit€at, derEinzigartigkeit – einer Grenz-erfahrung‘‘ [10].

Risikosport als moderneLebenskunst

Wahrend das Laienpublikum (unddas schließt zuweilen (Sport-)Medi-ziner mit ein) Risikosportler allzuleichtfertig als Verruckte stigmati-siert, kann mithilfe der Existenzphi-

Gefahren der Alpen, 2. ed., Baldamus, Leip-zig, 1887. Siehe fur weitere Recherchen:[17] S. Weissbein, E. Roth, Bibliographiedes gesamten Sports, Veit, Leipzig, 1911.

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losophie gezeigt werden, dass eshier nicht um suizidale Handlungengeht, sondern die absichtliche Kon-frontation mit der Todesgefahr kannzur Bewusstheit der eigenen Sterb-lichkeit fuhren. Dieses Sterblich-keitsbewusstsein bietet wiederumdie Moglichkeit, bewusster und ver-antwortungsvoller mit der begrenz-ten Ressource Leben umzugehen.Denn das heißt, durch die existen-zielle Gefahrdung im Sport und diedamit verbundene Erkenntnis uberdie Begrenztheit der eigenen Le-benszeit wird der Risikosport zu ei-ner neuen Form der Ars moriendi undzugleich zu einem Teil der modernenLebenskunst [3].

Literatur

[1] H. Baumgartner, Die Gefahren desBergsteigens, Schultheß, Zurich,1886.

[2] T. Brandauer, Einige Uberlegungenzur Qualitat des Augenblicks inRisikosportarten, in: B. Ransch-Trill(Ed.), Zeit und Geschwindigkeit, Aca-demia, Sankt Augustin, 2002, pp. 115–123.

[3] V. Caysa, Aktuelle deutschsprachigeKonzeptionen einer Philosophie derLebenskunst, in, Information Philoso-phie, Lorrach, 2001, pp. 22–29.

[4] H. Fahrenbach, Existentiell, in: J. Rit-ter (Ed.), Historisches Worterbuch derPhilosophie/D-F, Wiss. Buchges, Darm-stadt, 1972.

[5] M. Heidegger, Holzwege, Klostermann,Frankfurt am Main, (1950).

[6] M. Heidegger, Sein und Zeit, 17. ed.,Niemeyer, Tubingen, 1993.

[7] A. Heim, Notizen uber den Tod durchAbsturz in: Jahrbuch des SchweizerAlpenvereins, 1892, pp. 327–337.

[8] E.J. Hobsbawm, Das Zeitalter der Ext-reme: Weltgeschichte des 20. Jahrhun-derts, 9. Aufl. ed., Dt. Taschenbuch-Verl., Munchen, 2009.

[9] S. Kierkegaard, Der Begriff Angst, Rec-lam, Stuttgart, 1992.

[10] H. Lenk, Die achte Kunst: Leistungs-sport – Breitensport, Edition Inter-from, Osnabruck [u.a.], 1985.

[11] A. Muller, Risikosport: Suizid oder Le-benskunst? merus verlag, Hamburg,2008.

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[12] H.W. Opaschowski, Xtrem: der kalku-lierte Wahnsinn; Extremsport als Zeit-phanomen, 1. ed., Germa Press, Ham-burg, 2000.

[13] O. Rammstedt, Risiko, in: J. Ritter, K.Grunder (Eds.), Historisches Worter-buch der Philosophie, Bd. 8: R-Sc,Schwabe, Basel, 1992.

[14] J.S. Russell, The Value of DangerousSport, Journal of the Philosophy ofSport 32, 2005, pp. 1–19.

A. M€uller � Wenn Sporttreiben ex

[15] W. Schleske, Abenteuer, Wagnis, Risi-ko, in: O. Grupe, D. Mieth (Eds.), Lexi-kon der Ethik im Sport, Hofmann,Schorndorf, 1998.

[16] H.S. Slusher, Man, Sport and Existence:A Critical Analysis, Lea, Philadelphia,1967.

[17] S. Weissbein, E. Roth, Bibliographie desgesamten Sports, Veit, Leipzig, 1911.

[18] E. Zsigmondy, Die Gefahren der Alpen,2. ed., Baldamus, Leipzig, 1887.

trem gef€ahrlich wird – ein philosophischer Bl

Korrespondenzadresse:Jun.-Prof. Dr. Arno MullerUniversitat LeipzigSportwissenschaftliche FakultatFachgebiet Sportphilosophie undSportgeschichteJahnallee 59, D-04109 LeipzigTel.: +49 (0) 341-97-31625Fax: +49 (0) 341-97-31626E-Mail: arno.mueller@uni-leipzig.de

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