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  • 29.04.2013

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    Chance zur Professionalisierung und

    Autonomie

    Dr. Franz Lorenz, Professur für Pflege und Rektor der BA GSS Saarbrücken

    Neue Handlungsfelder für die

    Pflege

    Inhaltliche Schwerpunkte

    1.0 Professionalität und Professionalisierung

    2.0 Soziologisch–philosophische Sichten und

    Einsichten von der Person zur Gesellschaft

    3.0 Von lauten und stillen beruflichen und

    politischen Baustellen der Pflege

    4.0 Zur Dynamik von Deutschland und Europa

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    2

    1.0 Anfrage zu Professionalisierung

    und Professionalität

    Welches sind Ansätze auf der

    Theorieebene?

    Welche werden in der Pflege in

    Deutschland diskutiert?

    Was bewirken diese?

    Das Deutungsmuster Professionalität hat

    verschiedene theoretische Facetten und

    Zugänge

     normativ: Es gibt die Vorstellung eines geschlossenen Berufsbildes mit

    klar abzugrenzenden Aufgaben, berufsethischen Grundsätzen, gesellschaftlichem Status (Rabe-Kleberg 2002)

     interaktionistisch: Es gibt die Vorstellung, dass sich Professionalität in der

    unmittelbaren Handlung ausdrückt (Weidner 1995)  systemtheoretisch: In der gesellschaftlich zugewiesenen Bearbeitung einer

    Leitdifferenz für Pflege: Autonomie/Heteronomie (Lorenz/ Schwarz 2012)

     strukturalistisch In der Auflösung von Handlungsunsicherheit (Dewe 2011)

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    Daraus ergeben sich nachgeordnete

    noch zu klärende Fragen

     Von welchen Deutungsmustern bzgl. Professionalität werden diese Initiativen geleitet?

    (strukturell-normative, handlungstheoretisch-interaktionistische, systemtheoretisch strukturalistische Ansätze)

     Wie ist der Status Quo bzgl. Professionalität? (juristisch, (berufs-)politisch, gesellschaftlich, in der Berufsgruppe)  Gibt es Kompatibilitätszwänge zur EU? (Eu Richtlinie 2005/36 zur Gleichwertigkeit der Berufe, EQF)  Wie wirken sich die gesundheitsgesetzlichen

    Rahmenbedingungen auf die Professionalisierung aus? Qualitätsmanagement, Ökonomisierung des Systems, Entberuflichung  Wer bestimmt den Diskurs zur Professionalisierung?

    Wie wirken sich die gesundheitsgesetzlichen

    Rahmenbedingungen auf die Professionalisierung

    aus?  Deprofessionalisierungstendenz: Qualitätsmanagement: Die zunehmende Standardisierung und Festlegung auf

    Verfahrensanweisungen führt weg von einer situativen und kontextbezogenen Betrachtung der Patienten/Bewohner, weil die Abweichung von der Norm juristische Unsicherheit schafft (Manzeschke 2007)

     Entberuflichung Die zunehmende Ausdifferenzierung des Gesundheitswesen und der

    Professionen schafft insbesondere im Schnittstellenbereich Spezialfunktionen, die nicht mehr mit know how des Kernberufes zu bewältigen sind

     Ökonomisierung: Zunehmend ist zu beobachten, dass sich Patientenkarrieren nicht

    mehr an der Krankheit des Patienten, sondern an der lukrativsten Kombination von DRG`s orientieren. (Tackenburg 2009)

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    Folgen der Ökonomisierung !!

    Folie 7

    2.0 Thesen zum Gesundheitswesen

    und zur Pflege  Das Gesundheitssystem ist ein hochkomplexes

    und dynamische Teilsystem einer Gesellschaft, die von enormen Transformationen gekennzeichnet ist

     Das Pflegesystem ist ein Frühindikator für lebensweltliche Transformation

     WIRKUNG im Handlungsfeld Pflege: Umsetzung organisationaler Erfordernisse und anschlussfähige Diskursgestaltung zu den relevanten Umwelten erfordert ein neues Bewusstsein von Pflege

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    Soziologische Einsichten  Aus der Beobachterperspektive bieten sich zwei

    Kritikstränge an, die es bei der Betrachtung von Pflege zu diskutieren gilt: System und Lebenswelt

     PFLEGE IST EIN LEBENSWELTLICHES PHÄNOMEN und bearbeitet Fragen der Existenz und des Sinnhaftigkeit

     Die SYSTEMWELT richtet sich aus auf Monetarisierung, Bürokratisierung und Juristifizierung der LEBENSWELT (Habermas 1985)

    Verortung der Pflege

    Pflege als lebensweltlicher Faktor kann nach

    Bourdieu folgendermaßen gesellschaftlich

    zugeordnet werden:

    Habitus

    Sprache, Verhaltensmuster, Konfliktmuster

    Kapitalsorten

    Ökonomie, Soziales, Kultur, Symbol

    Felder

    Beruf (produktiv), Bildung, Engagement usw.

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    Status quo Pflegepraxis:

    1. Historische Wurzel in der Ordenspflege

    2. Historische Fremdbestimmung durch die Theologie, viel später Medizin

    3. Denktradition ist daher nicht griechisch wie die Naturwissenschaften (analytisch, quantitativ), sondern religiös-holistisch (jüdisch–orientalisch) und damit qualitativ

    4. Eher von der Empirie geleitet mit mündlich tradierter Wissensweitergabe

    5. Keine definitorische Sprache, sondern auf Anschlussfähigkeit ausgerichtetes Sprechen

    2.1.Strukturalistische Überlegungen

     Es gibt mehr und mehr Kategorien von Leuten,

    die nicht unter dem Zwang der Disziplin stehen,

    so dass wir an die Entwicklung einer Gesellschaft

    ohne Disziplin denken müssen. Die herrschende

    Klasse ist stets durchdrungen von der alten

    Technik. Es ist jedoch evident, dass wir uns in der

    Zukunft von der Disziplinargesellschaft von heute

    trennen müssen.“

    Foucault in Defert,2005, S.145

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    Die Macht der Sprache

     Die Herrschaft des Diskurses und die

    Legitimation über Etikettierungen (wie

    krank/gesund, irre/normal) ist durch

    Begriffssysteme konstituiert als Deutungsmuster

    und ist damit isoliert von einer Ebene oder einer

    Schicht von Ordnung und jenseits eines wie auch

    immer vorgestellten linguistischen Fundaments.

     Von dieser Ordnungsstruktur spricht Foucault

    (1965) in Les mots et les choses

    Der Blick auf den Diskurs

     Die Aufgabe des Diskursanalytikers bestehe nicht

    - nicht mehr - [darin], die Diskurse als Gesamtheit

    von Zeichen [...], sondern als Praktiken zu

    behandeln, die systematisch die Gegenstände

    bilden, von denen sie sprechen. Der Diskurs

    wirkt vergleichend, differenzierend,

    hierarchisierend, homogenisierend,

    ausschließend. Es wirkt normend, normierend,

    normalisierend. Sarasin, 2005

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    Herrschaft im Diskurs

    System-

    theoretisches

    Modell

    Soziologischer

    Begriff

    Reduktion

    durch

    Legitimation

    durch

    Beobachtung

    durch

    Psychische

    Systeme

    Person Typologisie-

    rung

    Gruppe Kommunika-

    tion

    Soziale

    Systeme

    Gruppe Deutungs-

    muster

    Organisa-

    tionen

    Entschei-

    dungen

    Entschei-

    dung

    Systeme

    Organisation Programme Institutionen Verfahren

    Verfahrens-

    systeme

    Institution Binäre

    Codierung

    Gesellschaft Diskurs

    Beispiel Pflegeversicherungsgesetz

    Die Begrifflichkeiten im Pflegeversicherungsgesetz: Pflegeperson und Pflegefachkraft

    Pflege-Person zielt auf Beziehung

    Pflege-Fachkraft zielt auf die physikalische Leistung

    Rückschlüsse der Diskursanalyse:

     Beziehungsaspekt fällt aus dem Focus des Leistungsgesetzes

     Die Pflege-Tätigkeit rückt in den Vordergrund

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    Beispiel: Neoliberaler Diskurs

    Der Kundenbegriff

    Aus dem Ökonomischen entliehen

    Zwingt zur ökonomischen Argumentation

    Schließt fachliche Diskurse aus

    Führt zur Dequalifikation der

    Gesundheitsprofessionen

    Lebensweltliche Diskurse ändern

    sich

    Folie 18

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    Ausgangslage Pflege 2013 in

    Deutschland (1.)

    Folie 19

     Keinen Schutz der Berufsausübung durch Berufegesetze

    (mit Ausnahme Hamburg, Bremen, Saarland)

     Keine Definition pflegerischer Tätigkeiten in der

    allgemeinen Gesetzgebung

     Keine Personalanhaltzahlen in den Leistungsgesetzen

    (SGB V, XI)

     Keine validen Zahlen über Qualifikationsstruktur und

    Anzahl der Berufstätigen wegen fehlender Registrierung

    Ausgangslage 2013 (2.)

    Folie 20

     Leistungsverordnung Pflege und Bewertung

    (Deutungshoheit) über Evidenz pflegerischer

    Interventionen sind nicht in der Profession verankert

     Pflegende, die eine institutionelle Identität und keine

    professionelle Identität ausgebildet haben

     Eine Bevölkerung, die das Gut Gesundheit, Autonomie

    und Alltagskompetenz als Merkmal von Lebensqualität

    erst zu entdecken beginnt

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    Bevölkerungsentwicklung 2020

    Ausgangslage Demografie

     Rot Zunahme

     Lila Stagnation

     Blau A